Wir betrachten Bilder oft in der Erwartung, etwas zu erkennen. Wir suchen nach Geschichten, nach Bedeutungen, nach Orientierung. Wir möchten verstehen, was dargestellt wird und was uns gezeigt werden soll. Doch manche Bilder verlangen etwas anderes von uns. Sie laden nicht dazu ein, Antworten zu finden, sondern Fragen zu betreten. Sie öffnen Räume, in denen Wahrnehmung, Erinnerung, Identität und Wirklichkeit nicht länger eindeutig voneinander zu trennen sind.
Diese Arbeiten entstehen aus Beobachtungen, Erfahrungen und der Bereitschaft, vertraute Gewissheiten infrage zu stellen. Sie bewegen sich in Zwischenräumen – zwischen Traum und Realität, Erinnerung und Gegenwart, Nähe und Fremdheit, Verlust und Verwandlung. Wiederkehrende Motive wie Spiegelungen, Rollen, Wahrscheinlichkeiten, Entscheidungen, Übergänge und alternative Perspektiven bilden dabei keine geschlossene Erzählung. Vielmehr sind sie Spuren einer fortlaufenden Suche nach dem, was Wirklichkeit sein könnte, wenn wir aufhören, sie als etwas Festes und Unveränderliches zu betrachten.
Die Bilder sprechen miteinander. Obwohl sie zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und unterschiedliche Themen berühren, kehren sie immer wieder zu denselben grundlegenden Fragen zurück. Was geschieht eigentlich in einem einzigen Augenblick? Wie viele Möglichkeiten bleiben uns verborgen? Wo endet die eigene Wirklichkeit und wo beginnt die eines anderen Menschen? Ist Veränderung eine Bedrohung oder der Beginn einer neuen Sichtweise? Vielleicht besteht die größte Nähe nicht darin, dieselbe Welt zu erleben. Vielleicht beginnt sie dort, wo wir anerkennen, dass die Wirklichkeit eines anderen Menschen ebenso wirklich ist wie die eigene.
Viele der Figuren in diesen Arbeiten befinden sich an Schwellen. Sie sind unterwegs zwischen Zuständen, zwischen Gewissheiten und Zweifeln, zwischen dem, was war, und dem, was werden könnte. Manche begegnen dem Unbekannten, andere blicken auf Vergangenes zurück, wieder andere verlieren die Orientierung oder entdecken neue Wege. Sie erscheinen nicht als Heldinnen und Helden, sondern als Menschen. Menschen, die Verletzungen tragen, Entscheidungen treffen müssen, Rollen hinterfragen oder versuchen, sich in einer komplexen Welt neu zu verorten.
In den Alice-Bildern geht es um Identität, Spiegelwelten, Manipulation und die Suche nach einem eigenen Weg durch widersprüchliche Wirklichkeiten. Die Madonnenbilder erzählen von Liebe, Fürsorge, Verlust und der schwierigen Kunst des Loslassens. Die Bilder der Verwandlung handeln davon, dass Menschen niemals vollständig auf die Rollen reduziert werden können, die ihnen zugeschrieben werden. Sie erzählen davon, dass sich das Blatt wenden kann, dass Ohnmacht in Würde und Verletzung in Erkenntnis verwandelt werden kann. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit Wiederholung, Wahrscheinlichkeit, Beobachtung oder Erinnerung. Gemeinsam ist ihnen die Frage, wie wir uns selbst verstehen, wenn die vertrauten Grenzen unserer Welt ihre Eindeutigkeit verlieren.
Vielleicht ist dies der rote Faden, der sich durch alle Arbeiten zieht: Nicht die Suche nach Gewissheit, sondern die Bereitschaft, an der Schwelle zu verweilen. Dort, wo Jäger und Gejagte, Spieler und Spielfigur, Beobachter und Beobachtetes einander begegnen. Dort, wo das Fremde vertraut und das Vertraute fremd werden kann. Dort, wo das gewohnte Bild von uns selbst seine Selbstverständlichkeit verliert und neue Möglichkeiten sichtbar werden.
Die Figuren in diesen Bildern suchen nicht nach Macht. Sie suchen nach Wahrheit. Nicht nach endgültigen Antworten, sondern nach einem tieferen Verständnis dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Sie erinnern uns daran, dass niemand vollständig ist, dass wir aus Erfahrungen, Beziehungen und Erinnerungen bestehen und uns ein Leben lang neu zusammensetzen. Nichts bleibt unverändert. Selbst Schmerz verändert seine Gestalt. Und manchmal zeigt gerade das Zerbrochene, dass Ganzheit nicht Perfektion bedeutet.
Vielleicht besteht Erkenntnis nicht darin, etwas Neues zu entdecken. Manchmal besteht sie darin, anders auf das zu schauen, was immer schon da war. Wirklichkeit entsteht nicht allein durch das, was wir sehen, sondern auch durch die Art, wie wir lernen zu schauen. Diese Bilder laden dazu ein, diesen Blick zu verändern. Sie erzählen von Menschen an Schwellen, von Verlust und Verwandlung, von Erinnerung und Hoffnung, von Identität und Wirklichkeit. Vor allem aber erzählen sie von der Möglichkeit, dass gerade in den Zwischenräumen – dort, wo nichts vollständig sicher und doch alles möglich erscheint – ein tieferes Verständnis von uns selbst entstehen kann.